über die schriftkunst chinas

was ist chinesische kalligraphie 中國書法?

Die "Vier Schätze des Studierzimmers"
Die Kalligraphie, die Schönschrift nach bestimmten Regeln, ist eine wichtige Kunst in China, die jeder Chinese in der Grundschule kennenlernt. Die Jahrtausende alten Schriftzeichen werden dabei mit dem chinesischen Pinsel geschrieben. Dabei wird der spitze Pinsel mit Daumen, dem Zeige- und Mittelfinger in einer senkrechten Postion zum Papier gehalten. Die Tusche, in Form eines Blocks, muss zuerst auf einem Reibstein angerieben werden, bevor damit der Pinsel befüllt und auf dem Papier geschrieben werden kann. Diese vier Schreibwerkzeuge - der Pinsel, die Tusche, der Reibstein und das Papier – bilden die „Vier Schätze des Studierzimmers“ 文房四寶. Sie dürfen in keiner Kalligraphiestube fehlen.

1. "Schatz": Der Pinsel. Foto © Kolja Quakernack
1. "Schatz": Der Pinsel. Foto © Kolja Quakernack

Einfach und doch schwierig
Es gibt über 50.000 Schriftzeichen, die alle nach einem bestimmten Prinzip aufgebaut sind. Was bei uns die Buchstaben des Alphabets sind, sind im Chinesischen in etwa die sogenannten Radikale, aus denen sich ein Schriftzeichen zusammen setzt. Insgesamt gibt es davon 214 Stück. Theoretisch muss ein Kalligraph nur acht leicht variierende Grundstriche lernen, um damit alle Schriftzeichen schreiben zu können. Neben den überschaubaren Grundstrichen, die eine Kalligraphie ausmachen, sind es die ganz persönliche Pinselführung, die variablen Eigenschaften der vier Schätze und die Stimmung des Kalligraphen, die den Schreibprozess beeinflussen. All das trägt letztlich zur Qualität eines fertigen Schriftstückes bei, weshalb es unmöglich ist, mehrfach ein und dieselbe Kalligraphie zu schreiben. Selbst große Meister (wie etwa Wang Xizhi 王羲之, der Meister der Halbkursivschrift, lebte im 4. Jh.) haben es schon probiert und waren mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

2. "Schatz": Der Reibstein. Auf ihm wird die Tusche zusammen mit Wasser zur schwarzen Schreibflüssigkeit gerieben. Foto © Kolja Quakernack
2. "Schatz": Der Reibstein. Auf ihm wird die Tusche zusammen mit Wasser zur schwarzen Schreibflüssigkeit gerieben. Foto © Kolja Quakernack

Schriftstile
Es gibt fünf wichtige Schriftarten in der chinesischen Kalligraphie. Die Regelschrift (auch Standard Schrift genannt, 楷書 bzw. 真書) ist eine sehr strenge Schrift mit dicken und dünnen Strichen, die ein Kalligraph in China traditionell als erstes lernt. Die Halb-Kursivschrift (Laufschrift, 行書) ist optisch (nicht historisch) eine schnell geschriebene Variante der Regelschrift und erinnert an die tägliche Handschrift mit dem Kugelschreiber. Die Grasschrift (Kursivschrift, Konzeptschrift, 草書) ist eine sehr freie, dynamische Schrift, die nur schwer zu lesen ist und denen unerschlossen bleibt, die nicht vorher die ihr zugrunde liegenden Strichcharakteristiken erlernt haben. Die älteste und von der Strichstärke gleichmäßigste Schrift ist die Siegelschrift (篆書). Die Kanzleischrift (隸書) war lange Zeit die offizielle Schrift der Beamten Chinas. Sie wurde jedoch aufgrund der schnelleren Schreibgeschwindigkeit zur Regelschrift, Halb-Kursiv- und Kursivschrift weiterentwickelt und durch sie abgelöst. Der Vollständigkeit halber sei hier noch die Bronze- und Knocheninschrift (甲骨文) erwähnt, die in ältester Zeit in einigen Bronzegefäßen und Schildkrötenpanzern eingeritzt gefunden wurde und unverkennbar piktografische Züge enthält. Über sie ist jedoch so wenig Wissen gesichert und ihre Beispiele so begrenzt, dass sie oft nicht als eigener Schriftstil aufgeführt wird. 

3. "Schatz": Die Tusche.  Sie ist entweder im flüssigen Zustand oder als fester Tuscheblock zu kaufen. Die feste Tusche muss vor dem Schreiben zusammen mit Wasser auf einem Reibstein gerieben werden. Foto © Kolja Quakernack
3. "Schatz": Die Tusche. Sie ist entweder im flüssigen Zustand oder als fester Tuscheblock zu kaufen. Die feste Tusche muss vor dem Schreiben zusammen mit Wasser auf einem Reibstein gerieben werden. Foto © Kolja Quakernack

Lang- (traditionell) und Kurzzeichen (vereinfacht)
Die chinesische Kalligraphie ist so alt wie die Geschichte der Schriftzeichen selbst. In der jüngsten Geschichte hat Mao Zedong 毛澤東, China's damaliger Vorsitzender der Kommunistischen Partei, das Schriftsystem in der Volksrepublik China bedeutend reformiert. Um das Analphabetentum seines Volkes, welches er auf die Komplexität der Schriftzeichen zurückgeführt hat, zu reduzieren, hat er mit Hilfe von Schriftgelehrten für einen Teil der chinesischen Schriftzeichen (etwa 30% aller Schriftzeichen) eine vereinfachte Version entwickelt. Ziel war es, die komplizierteren Schriftzeichen zu vereinfachen, damit sie leichter einzuprägen sind. Hongkong und Taiwan sind davon nicht betroffen - sie nutzen immer noch die Langzeichen in ihrer traditionellen Form. Da die Kalligraphie eine Kunst ist, die auf eine viel längere Geschichte zurückblicken kann als die Kurzzeichen, wird auch von Kalligraphen des chinesisches Festlandes die traditionelle Schreibweise erlernt und praktiziert.

4. "Schatz": Das Papier. Chinesisches "Reispapier" ist dünner als westliches Kopierpapier. Foto © Kolja Quakernack
4. "Schatz": Das Papier. Chinesisches "Reispapier" ist dünner als westliches Kopierpapier. Foto © Kolja Quakernack