über seine kalligraphie

In der chinesischen Tradition werden vor allem die Texte alter Meister vergangener Dynastien wieder und wieder abgeschrieben, um mit ihrer Hilfe die Ästhetik und künstlerische Anatomie der Schriftzeichen zu verstehen. Erst im hohen Alter, nach Jahrzehnte langem Lernen und mithilfe angehäufter Lebensweisheit, kann ein eigener Stil reifen.

Im Westen probieren sich Künstlerinnen und Künstler viel losgelöster von den Vorgaben der "Erfahrenen" aus. Sich versuchen dabei, ihre eigene Kreativität zu entdecken und sie umzusetzen, ohne sich zu sehr an veralteten Lehren zu orientieren.

 

Ich bin auf meinem Weg mit dem Pinsel auf beiden Pfaden unterwegs: Mein asiatischer Weg schlängelt sich wie ein steiniger Trampelpfad durch das nebelige, weite Gebirge des Lernens. Auf ihm habe ich bis heute Stunden lang einzelne Striche geübt, bin mehrere Wochen in einzelnen Schriftzeichen versunken, habe zahlreiche Texte chinesischer Kalligraphen kopiert und versucht, ihrem (Lebens-)Rhythmus, ihren Gedanken und Gefühlen zu folgen.

Mein westlicher Weg gleicht einer breiten, asphaltierten Straße mit Abzweigungen, Sackgassen und Seitenstraßen, die entdeckt werden wollen. Wenn ich nicht weiter komme, kehre ich um, lasse los und schaue neugierig um die nächste Ecke. Inspiration und Ideen, Formen und Muster, Normen und Werte - sie alle wollen entdeckt, geprüft und übernommen werden. 

 

Eben diese beiden Wege vereine ich in meinen Pinselschwüngen. Fleiß und Strenge der chinesischen Lehre, die japanische Achtsamkeit und die den Deutschen nachgesagte Kreativität und ihr Erfindungsgeist: Sie alle finden sich in meinen Pinselschwüngen wieder und verschmelzen in meinem Strich.